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Wie meine Geschichte begann –

und warum sie heute Teil meiner Arbeit ist.

Wenn ich heute auf meinen Weg blicke, sehe ich viele Zahlen, viele Gewichte, viele Höhen und Tiefen. Aber vor allem sehe ich ein Mädchen, das schon sehr früh glaubte, nicht genug zu sein. Und eine Frau, die sich über Jahrzehnte gegen ihren eigenen Körper stellte – bis sie irgendwann begriff, dass Heilung nicht über Kontrolle entsteht, sondern über Verbindung.

Die ersten Jahre: Als alles begann

Ich war dreizehn, als mein Essverhalten ungesund wurde. Auslöser war Mobbing. Ich war „zu dick“, zu anders, zu wenig akzeptiert. Die erste Crash-Diät folgte – und mit dem schnellen Gewichtsverlust kam plötzlich Aufmerksamkeit, Anerkennung, ein Gefühl von „dazugehören“. Doch das Gewicht hielt nicht. Natürlich nicht. Und damit begann ein Kreislauf, der mich viele Jahre begleiten sollte.

Mit 16: Liebe, Scham und erneute Kontrolle

Mit sechzehn verliebte ich mich zum ersten Mal. Er lernte mich mit 85 Kilo kennen – und trotzdem wurde mein Körper zum Angriffspunkt. „Wie siehst du denn aus? So kann ich mich mit dir ja nirgends sehen lassen.“ Sätze, die sitzen. Sätze, die wirken. Sätze, die mich zurück in die nächste Crash-Diät trieben. Innerhalb weniger Wochen stand die Waage bei 65 Kilo. Und um dieses Gewicht zu halten, begann ich zu erbrechen. Hunger wurde mein ständiger Begleiter, Scham meine stille Sprache. Wieder nahm ich zu – wieder kämpfte ich dagegen an. Ein endloses Pendeln zwischen Zuviel und Zuwenig.

Mit 40: Der Wendepunkt

Mit vierzig wurde ich erneut schwanger – Zwillinge. Ein Geschenk. Ein Einschnitt. Eine komplette Veränderung meines Lebens. Nach einer schweren Schwangerschaft kam erneut der Wunsch: abnehmen. Und ich tat, was ich immer tat: schnell, hart, kompromisslos.
Ich joggte, ich trainierte, ich zählte jede Kalorie. Maximal 1.000 Kalorien am Tag. Das Tracken wurde zu einer Ganztagsaufgabe. Ich war immer hungrig, immer erschöpft, immer im Kampf.
Und dann begann es wieder: Binge-Eating. Erst selten, dann immer häufiger. Irgendwann so stark, dass ich es nicht mehr in mir behalten konnte. Meine Bulimie war zurück.

Die Spirale – und die erste Hand, die ich ergriff

Über zwei Jahre blieb ich in dieser Spirale gefangen. Zwischen Hungern, Sport, Erbrechen, Perfektionismus und Verzweiflung. Schließlich suchte ich mir Hilfe. Doch anstatt Heilung fand erst einmal eine Suchtverlagerung statt: von der Bulimie hin zu extremer Disziplin im Bodybuilding. Ich war stark – und doch gefangen. Auch hier brauchte ich meine Krankheit, um „funktionieren“ zu können.
Es dauerte noch einmal zwei Jahre, bis ich an dem Punkt war, an dem ich heute stehe.

Heute: Mein Körper ist kein Gegner mehr

Heute pflege ich gesunde Gewohnheiten – im Sport, in der Ernährung und, vor allem, in meiner Selbstwahrnehmung. Ich habe gelernt, meinen Körper nicht mehr zu bekämpfen, sondern zu begleiten. Nicht mehr zu kontrollieren, sondern zu verstehen. Ich bin überzeugt: Niemand braucht einen Traumkörper. Aber jeder Mensch verdient einen Körper, in dem er sich zu Hause fühlt. Einen Wohlfühlkörper, der nicht perfekt ist, sondern lebendig. Einen Körper, der trägt, statt bewertet zu werden. Mein Weg war lang. Er war schmerzhaft. Aber er hat mich zu genau der Frau gemacht, die heute andere Frauen auf ihrem eigenen Weg begleitet. Und vielleicht ist dies der wichtigste Satz: Heilung beginnt nicht dort, wo du dünner wirst – sondern dort, wo du dir selbst näherkomms